Ein Thema, das für Prüfer und Bewerber gleichermaßen wichtig und spannend ist, denn im Verlauf eines Bewerbungsinterviews sammeln alle Beteiligten Eindrücke voneinander. Es werden Fragen gestellt und Informationen aufgezeichnet. Zuletzt fällt die Entscheidung darüber, ob der Bewerber eingestellt wird oder nicht. Diese Entscheidung stützt der Prüfer, selbst wenn es ihm nicht bewusst wird, auch auf sein positives oder negatives Grundgefühl, das zum Schluss bleibt. Anlass für dieses Grundgefühl ist unter anderem das, was vorher körpersprachlich zwischen ihm und dem Kandidaten ausgetauscht worden ist.
Was also ist Körpersprache?
Über Körpersprache, ihre Bedeutung und vor allen Dingen ihre Deutung, sind eine Menge Bücher geschrieben worden. Etliche Autoren gehen davon aus, dass Körpersprache universell, also überall auf der Welt und in allen Kulturen gleich sei. Damit könne Körpersprache als nonverbales Ausdrucksmittel die menschliche Sprache praktisch zwar nicht ersetzen, aber doch sehr gut ergänzen. Jedenfalls könne mithilfe der Körpersprache das Denken und Fühlen eines anderen Menschen entlarvt werden, ohne dass dieser sich dessen bewußt werde.
Ohne die Aussagekraft der Körpersprache im allgemeinen unterschätzen zu wollen, ist das allerdings in Frage zu stellen.
Fest steht, dass die Körpersprache älter ist als die menschliche Sprache. Diese wurde vom Homo sapiens sapiens und seinen Vorgängern erst später aus undifferenzierten Lauten heraus entwickelt. Fest steht auch, dass die Körpersprache ein wichtiges Transportmedium für menschliche Gefühle ist.
Einig ist sich die Wissenschaft auch darüber, dass bestimmte Teile angeboren sind, andere wiederum im Verlaufe des Lebens erworben werden. Ein Kopfschütteln beispielsweise bedeutet in unserem Kulturkreis ein eindeutiges „Nein“, ein Kopfnicken dagegen ein „Ja“. In anderen Kulturkreisen ist es genau umgekehrt.
Dadurch wird auch der sozio-kulturelle Hintergrund, in dem das Individuum aufgewachsen ist, bedeutsam und die Behauptung von der Universalität der Körpersprache widerlegt.
Hinzu tritt, dass bestimmte Elemente steuerbar sind, andere wiederum nicht. Beispiel: Das verräterische Augenzucken bei einer Lüge. Gegenbeispiel: Ob ich bei Unsicherheit meine Arme vor der Brust verschränke, dabei das Kinn mit einer Hand stütze oder die Hände provozierend in die Hosentasche stecke, entscheide letztlich ich selbst. Ob ich überhaupt so oder ganz anders reagiere, ist außerdem eine Frage der Selbstbeherrschung, über die ich freilich verfüge oder nicht.
Kurzum, es ergibt sich eine Bandbreite an Deutungsmöglichkeiten bei ein- und derselben Bewegung oder Körperhaltung. Körpersprache kann deshalb nur individuell, situativ bezogen und unter Berücksichtigung kultureller Eigenheiten interpretiert werden.
Wie also ist Körpersprache beim Gesprächspartner zu deuten?
Wichtig ist die ganzheitliche Betrachtung unseres Gegenüber. Körpersprache schließt das Gesicht, den Ober- und den Unterkörper gleichermaßen ein. Ob der Bewerber zum Beispiel eine verschlossene oder offene Haltung im Interview oder beim Test einnimmt, kann nur in der Zusammenschau aller drei Körperregionen gedeutet werden. Dabei ist der Gesichtsausdruck entscheidend.
Wichtig ist ferner, ob das, was der Gesprächspartner sagt, auch inhaltlich mit seiner Körperhaltung übereinstimmt. Die Psychologie spricht hier von „kongruentem Verhalten“. Wer mit lauter, forscher Stimme und starrem Gesichtsausdruck redet und dabei völlig steif und mit herunterhängenden Armen auf seinem Stuhl hockt, erzeugt bei seinen Zuhörern ein befremdliches Gefühl, denn Rhetorik und Gestik fallen hier völlig auseinander. Gleiches gilt umgekehrt. Hektische Gesten, unmotivertes Auflachen bei gleichzeitig leisem Murmeln, sorgen ebenfalls für Irritation beim Zuhörer.
In Bewerbungsratgebern wird immer wieder davor gewarnt, als Bewerber die Arme vor der Brust zu verschränken oder die Beine übereinander zu schlagen, weil beides Abwehr und Blockade bedeute. Das aber ist fraglich. So lässt sich immer wieder im Alltag beobachten (z. B. in Talkshows), dass eine Person diese Haltung einnimmt, obwohl sie sich sichtlich wohl fühlt und auf das Gespräch konzentriert. Beides ist gleichzeitig an ihrem gelassenen oder freundlichen Gesichtsausdruck und ihrer lebhaften und klaren Sprache festzustellen.
Auch hier muss also die konkrete Situation berücksichtigt werden.
Psychologen stellen bei der Deutung körpersprachlicher Elemente auch auf die sogenannte Symmetrie ab. Damit ist Folgendes gemeint: Fühlt sich eine Person wohl, ist sie gelassen, nimmt sie eine Position ein, in der der Kopf aufrecht, die Schultern gerade, Arme und Beine parallel, kurz, symmetrisch, zueinander ausgerichtet sind. Diese Haltung wird spontan und ohne längeres Verweilen darin immer dann eingenommen, wenn der Gesprächsverlauf für die Person angenehm und positiv verlaufen ist.
Schlussendlich: Die Deutung von Körpersprache kann mit gebotener Vorsicht ein Hilfsmittel sein, um Gefühle und Regungen eines Bewerbers ein Stück weit zu erschließen. Sie gibt jedoch keine Auskunft über seine Gedanken und sagt keinesfalls etwas über seine Kompetenzen aus. Körpersprache ersetzt darum nicht Sprache und deren Inhalt!
Umgekehrt sollte sie vom Bewerber nicht in ihrer Bedeutung unterschätzt werden. Schon deshalb nicht, weil der Prüfer sich die beschriebenen gängigen Vorurteile und Mißverständnisse zueigen gemacht haben könnte. Es ist darum lohnenswert, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.