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Vorsicht, unangenehmer Vorgesetzter …

1.11.07 - Sie haben diese Situation bestimmt auch schon erlebt: Sie bewerben sich bei einem Unternehmen, werden zum Bewerbungsinterview eingeladen und gehen voller Spannung und Hoffnung zum Vorstellungstermin. Schlagartig sind Sie aber ernüchtert, als Ihnen jene Person zum ersten Mal entgegentritt und Sie begrüßt, die Sie in den zuvor miteinander geführten Telefongesprächen als freundlichen und umgänglichen Gesprächspartner kennengelernt haben und auch dessen Briefstil zuvorkommend war. Vom ersten Moment an empfinden Sie seine Anwesenheit, seine Person – nennen wir diese der Einfachheit halber „Herr Müller“ als unangenehm, ja geradezu abstoßend. Das hat nichts mit dem Aussehen des Herrn Müller zu tun, nein, seine Art, seine Ausstrahlung, lässt plötzlich keinerlei Sympathie mehr bei Ihnen aufkommen. Und Sie halten Ihre Bewerbung bereits in den ersten Minuten Ihres Besuches in dieser Firma für einen Fehler. In diesem Moment möchten Sie überall sein, bloß nicht hier. Wie konnten Sie sich bloß so irren …
Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Ihre Antipathie dürfte in den meisten Fällen dieser Art berechtigt sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie bei einer Einstellung später mit diesem Vorgesetzten im beruflichen Alltag Schwierigkeiten haben werden, ist ausgesprochen groß. Dies zeigt die betriebliche Praxis stets wiederkehrend.
Aber der Reihe nach.
Entweder wird Ihr Misstrauen im Verlaufe des Interviews auf überzeugende Weise beseitigt oder aber es wird vertieft. Im ersten Fall sollten Sie über Ihre Einstellung weiter verhandeln. Im letzteren Fall sollten Sie sich unbedingt überlegen, ob eine langfristige Mitarbeit für Sie wirklich in Frage kommt. Der Vorgang könnte sich noch anders darstellen, wenn Sie von Vornherein nur befristet angestellt würden. Dann haben Sie die Gewissheit, dass die zu erwartenden Probleme im Job nur vorübergehender Natur wären. Sie könnten also gelassener bleiben. Doch Vorsicht: Ist diese berufliche „Interimszeit“, das dort angeeignete Wissen, ein dadurch erlangtes Arbeitszeugnis von erheblicher Bedeutung für Ihren späteren Werdegang, müssen Sie auch hier abwägen, worauf Sie sich einzulassen bereit sind. Jobstarter stehen öfter vor diesem Scheideweg.
Bitte unterschätzen Sie den täglichen Umgang mit einem schwierigen, ja arabeskenhaften Vorgesetzten nicht. Es sind gar nicht mal jene Fälle, in denen es zu einem eindeutigen Bossing kommt (Bossing ist eine Variante des Mobbing. Hier mobbt der Boss den Untergebenen). Kräftezehrend können auch jene Arbeitsverhältnisse werden, in denen der Chef ständig nörgelt, alles besser weiß und man ihm nichts recht machen kann. In dem (gelegentliches) Lob und Tadel so eng beieinander liegen, dass Sie als Mitarbeiter jedes Sicherheitsgefühl verlieren. Und Sie irgendwann, wie so viele Mitarbeiter, in die innere Emigration flüchten. Nur so meinen Sie, überleben zu können.
Ein bekanntes deutschsprachiges Wochenmagazin setzte sich unlängst in einem mehrseitigen Artikel mit dem Phänomen des mimosenhaften Vorgesetzten auseinander. Danach wimmele es in den Vorstandsetagen und Chefebenen deutscher Unternehmen nur so von narzistischen, selbst verliebten Bossen, die ständig auf der Suche nach sich selbst, äußerer Anerkennung und dem Superkick seien. Aber nichts für ihre Mitarbeiter empfänden.
Personalzeitschriften greifen dieses Thema immer wieder auf. Trainer und Coaches bieten ständig Seminare dazu an. Aber es hat den Anschein, als würde sich in den Unternehmen trotzdem nichts ändern.
Alle diese oftmals abgehoben geführten Diskussionen nützen Ihnen als Mitarbeiter jedoch nichts. Darum hier ein paar Ratschläge für die Praxis:
Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie einen schwierigen Vorgesetzten in seinem Verhalten grundlegend durch Bitten, Hinweise, Diskussionen ändern können. Das Gegenteil kann sogar eintreten. Sein Verhalten der Belegschaft oder Ihnen gegenüber wird noch unleidlicher. Viele Untergebene meinen, durch besonders gute Leistung, ja persönliche Aufopferung, das Ruder herumreißen zu können. Diese Meinung ist fast immer falsch. Im Gegenteil: Entweder wird Ihre Superleistung überhaupt nicht wahrgenommen oder sie wird zusätzlich herabgewürdigt. Drohen Sie umgekehrt nie mit Kündigung, wenn Sie nicht wirklich weggehen wollen oder können. Dies ist der schlimmste Fehler, den Sie begehen können, denn das wird man Ihnen nicht verzeihen. Besonders, wenn Sie zur Unzeit (vermehrter Arbeitsanfall usw.) mit Kündigung gedroht haben.
Halten Sie sich in der heutigen Zeit grundsätzlich vor Augen, dass jedes Arbeitsverhältnis ein Rechtsverhältnis ist, das dem Arbeitnehmer und dem Arbeitgeber bestimmte einklagbare Pflichten auferlegt. Aber auch Rechte. Betrachten Sie das als mentalen Notanker. Wenn alle Stricke „im Laden“ reißen, konzentrieren Sie sich nur auf diesen Tatbestand. Schaffen Sie sich sofort Verbündete beim Betriebsrat, dem Mobbingbeauftragten, der Frauenbeauftragten. Und bestehen Sie auf Ihren Rechten. Die haben Sie nämlich als Mitarbeiter. Sie sollen nicht irgendeine Blockwart- oder Hausmeistermentalität entwickeln, weil auch das zuviel Energie kostet: Aber schreiben Sie da mit, wo gravierende Fehler in der Personalführung gemacht werden. Merken Sie sich Zeiten, Orte und Beteiligte. Später können diese Notizen von Nutzen sein. Machen Sie Ihre Arbeit gründlich, richtig und vollständig. So verhindern Sie berechtigte Kritik an Ihrer Leistung. Fordern Sie da nichts von Ihrem Arbeitgeber, wo Ihnen eindeutig nichts zusteht. Aber weisen Sie umgekehrt überzogene Forderungen Ihres Arbeitgebers zurück, wenn diese jenseits der Grenzen Ihres Arbeitsvertrages liegen.
Die betrieblichen Verhältnisse haben sich seit Ende der Siebziger Jahre massiv verändert. Begriffe wie Partnerschaft, Fairness, Vertrauen und Ehrlichkeit haben stark an Bedeutung eingebüßt. Die Ursachen sind allgemein bekannt, die Folgen auch. Lernen Sie, mit diesen geänderten Verhältnissen persönlich umzugehen und dabei Ihre Interessen zu wahren. Handeln Sie mutig und bestimmt, ohne trotzig zu wirken.
In diesem Sinne!
Ihr Lothar Grüning
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