Es ist eigentlich kaum zu glauben: Die meisten Menschen kennen ihre eigene berufliche Biografie nicht richtig. Woran liegt das ? Nun, solange es im Job und in der Firma ganz gut läuft, solange die Arbeitstage mehr oder weniger ohne große Unterschiede dahinplätschern, gibt es keinen Anlass, sich irgendetwas Jobrelevantes zu notieren. Erst, wenn bestimmte Ereignisse eintreten, wird es plötzlich wichtig, sich an Gewesenes zu erinnern. Beispielsweise, wenn der Betrieb in den Konkurs geht und man sich nach einer neuen Stelle umsehen muss. Hat man aber jahrelang, vielleicht sogar Jahrzehntelang in einem Unternehmen gearbeitet, und gab es keine Zwischenbeurteilungen, keine Zwischenzeugnisse, keine vernünftig geführten Personalakten, wird die Rekonstruktion des eigenen Werdeganges schnell zum Ratespiel mit ungewissem Ausgang.
Wenn Sie sich in dieser Ausgangslage befinden, empfehle ich Ihnen, strategisch sinnvoll vorzugehen, um zu einem verwertbaren Ergebnis zu kommen. Für Ihre Recherchearbeit sollten Sie wieder einen PC einsetzen. Fangen Sie mit dem ersten Tag Ihrer Berufsausbildung an. Ermitteln und dokumentieren Sie die nachfolgenden Angaben bis zum heutigen Tage:
1. Welchen letzten Schulabschluss haben Sie wann an welcher Schule erworben?
2. Wenn Sie an einer Universität oder Fachhochschule studiert haben, ermitteln Sie den Studiengang, die Fachrichtung, die Studienschwerpunkte, Studienzeiten, Praktika während des Studiums, die Themen von Examina, Promotion, Habilitation, Diplomarbeiten, Ihre Abschlüsse , Titel und Auslandsaufenthalte zu Studienzwecken.
3. Wenn Sie eine Berufsausbildung in einem anerkannten Beruf absolviert haben, suchen Sie aus Ihren Unterlagen diese Punkte heraus: Genaue Berufsbezeichnung (diese ändert sich manchmal), Ausbildungszeiten, Ausbildungsfirmen, Abschlüsse, Auslandsaufenthalte zu Ausbildungszwecken.
4. Jetzt widmen Sie sich Ihrer Berufspraxis. Legen Sie für jede einzelne Station eine Seite an. Sparen Sie nicht mit Papier. Das erleichtert Ihnen den Überblick. Später führen Sie Ihre Daten zusammen. Recherchieren Sie für jede Berufsstation: Wie hieß das Unternehmen, wo war der Firmensitz, welche Größe und welchen Umsatz hatte es ? In welchen Unternehmensbereichen, in welchen Positionen, an welchen Stellen in der betrieblichen Hierarchie waren Sie tätig? Entwerfen Sie eine Stellenbeschreibung nach Tätigkeiten, Haupt- und Nebenaufgaben, Verantwortlichkeiten, Führungsspannen!
Versuchen Sie sich möglichst genau zu erinnern: Welche Aufgaben haben Sie erfolgreich gelöst, welche Resultate haben Sie erzielt? Welche Rückschläge hatten Sie zu verkraften? Was haben Sie im Betrieb verändert, bewegt? Welche konkreten Problem- und Produkterfahrungen haben Sie an welcher Stelle gewonnen? Welche Projekte haben Sie verantwortet? Vervollkommnen Sie von Berufsstation zu Berufsstation fortschreitend Ihre Stärkenanalyse und führen Sie gleichzeitig eine so genannte Differenzeignung durch: D. h. Sagen Sie sich, wo Sie anderen klar überlegen sind!
5. Jetzt müssen Sie Ihre Weiterqualifikationen aufschlüsseln. Je mehr alte Unterlagen Sie aufgehoben haben, desto einfacher haben Sie es. Fragen Sie nach Seminaren, Lehrgängen, Kurzstudien, postgradualen Studien, Weiterbildungsmaßnahmen aller Art. Schreiben Sie meinetwegen ruhig den letzten Ikebana-Kurs von vor zehn Jahren bei der Volkshochschule auf. Es kommt in diesem Moment auf das Gesamtbild an! Was Sie davon später in einer konkreten Bewerbung verwenden, steht jetzt noch auf einem ganz anderen Blatt ...
6. Gehen Sie auf spezielle Punkte ein: Haben Sie als Gutachter gearbeitet? Haben Sie Vorträge gehalten oder sind Sie einer Lehrtätigkeit nachgegangen? Dann eruieren Sie Themen, Zeiten, Orte, Publikum. Haben Sie als Autor gearbeitet und Artikel, Bücher, Aufsätze verfasst? Gab oder gibt es aktive Mitgliedschaften in berufsbezogenen Verbänden und Gremien? Haben Sie verwertbare Kontakte zu Firmen, Personen, Institutionen? Haben Sie Sprach- und PC-Kenntnisse sowie Lizenzen?
Zum Schluss: Seien Sie so sorgfältig wie möglich. Die Arbeit, die Sie sich jetzt machen, bildet die Grundlage für die Erstellung Ihres Lebenslaufes, Ihres Profils und der gesamten Bewerbungsmappe. Je mehr Sie über Ihre eigene Berufsbiografie ermitteln, desto flexibler können Sie sich anschließend auf unterschiedliche Vakanzen hin bewerben. Den größten Fehler, den Sie machen können, ist eine Mustermappe zu stricken und diese in stets gleicher Aufmachung im Bewerbungsprocedere zu verwenden. Diesen Fehler machen nur jene Bewerber, die ihre eigene Berufsbiografie nicht im Griff haben.